Euthanasie: Nach wie vor ein Anlass zur Diskussion

Medizinische Fachthemen 07.04.2014

Sterbehilfe aus ethischer Sicht

Am Ende des Lebens geht es um Sein oder Nichtsein. Das erklärt vielleicht, warum die ethischen Konflikte um das Thema „Sterbehilfe“ sowohl in der öffentlichen Diskussion mit oft erbitterter Schärfe ausgetragen werden, als auch den Arzt und Angehörige des einzelnen Patienten am Krankenbett konkret belasten.

Fallbeispiel:
Im ärztlichen Bereitschaftsdienst wird der zufällig eingeteilte Palliativarzt um 3 Uhr morgens in ein ländliches Pflegeheim bestellt. Dort trifft er auf eine etwa 60-jährige Patientin im Finalstadium ihrer Krebserkrankung. Am Bett steht ihr Sohn, der den Bereitschaftsbesuch angefordert hat, da seine Mutter um Erlösung von ihrem Leiden gebeten habe; er ist Krankenpfleger von Beruf und bittet darum, seiner Mutter eine Morphinspritze zu verabreichen. Die Patientin ist kachektisch und tachypnoeisch, dabei hochgradig unruhig, verstehbare verbale Äußerungen sind ihr nicht mehr möglich. Bei der Auskultation der Lunge beidseits basal deutlich vermindertes Atemgeräusch, RR 85/60, Puls 112/min, SpO² zwischen 80 und 90 %. Die Patientin ist opioidnaiv, da sie bisher als Analgetikum nur Metamizol-Tropfen und zur Sedierung heute 2-mal Tavor 0.5 mg bekommen hat. Der Arzt entscheidet sich…Unter welcher Form von Sterbehilfe das geschilderte Vorgehen ethisch einzuordnen ist, möchte ich nachfolgend darstellen. Dabei besteht eine gewisse Schwierigkeit darin, dass der Deutsche Ethikrat vor einigen Jahren die bisher geläufige Terminologie der verschiedenen Formen von Sterbehilfe geändert hat, vor allem um den schwierigen und geschichtlich und juristisch belasteten Begriff „Sterbehilfe“ zu vermeiden.

  1. Passive Sterbehilfe = Sterbebegleitung. Darunter versteht man den Verzicht auf eine medizinische Maßnahme oder auch deren Abbruch bei einem sterbenskranken Patienten (z. B. Verzicht auf antibiotische Behandlung oder Abbruch der Dialyse).
  2. 2Aktive Sterbehilfe = Tötung auf Verlangen. Dies ist das bewusste und intendierte Herbeiführen des Todes auf Wunsch des Patienten – der Tod ist der Zweck der aktiven Sterbehilfe!
  3. Indirekte Sterbehilfe = Therapie am Lebensende ist definiert als medizinische Behandlung eines Leidenszustands unter Inkaufnahme einer Verkürzung des Lebens.
  4. Assistierter Suizid = Beihilfe zur Selbsttötung. Der Unterschied zur aktiven Sterbehilfe besteht darin, dass der Suizident (der kein Patient sein muss!) bis zuletzt Herr des Geschehens ist.

Die ethische Bedeutung der Patientenverfügung von Palliativpatienten
Regelmäßig bitten unsere Patienten uns darum, von ihnen abgefasste (meist vorformulierte bzw. vorgedruckte) Patientenverfügungen mit zu unterschreiben (um die Abfassung im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte zu bezeugen), oder auch ein Exemplar in unserer Praxis zu deponieren. Die rechtliche Bedeutung der Patientenverfügung, die durch ein Bundesgesetz seit 2009 erheblich aufgewertet worden ist. Es soll hingegen darum gehen, wie wir unsere Patienten ärztlich beraten können, wenn sie mit diesem Anliegen zu uns kommen. Denn Patienten schreiben oder unterschreiben ja Patientenverfügungen, weil sie Fälle von Sterbehilfe für sich antizipieren und sicherstellen wollen, dass ihre (antizipierte fehlende) Einwilligung zu „lebensverlängernden Maßnahmen“ nicht übergangen wird, wenn sie selber nicht mehr einwilligungsfähig sind. Sie möchten also schon im Voraus und im Falle des Falles sagen: „Ich will nicht mehr!“Die Schwierigkeit hierbei besteht darin, dass unsere Patienten etwaige Therapiemaßnahmen nach äußerlichen Gesichtspunkten beurteilen. Dies kommt in dem oft und gern gesagten Satz zum Ausdruck: „Ich will nicht an Schläuchen hängen!“, was von den Patienten inhaltlich oft mit „lebensverlängernden Maßnahmen“ gleichgesetzt wird. Uns als Ärzten sind hingegen auch immer wieder eigene Patienten bekannt, wo es nach lang andauernder und eingreifender Intensivbehandlung auch bei zweifelhafter Prognose zu einer Restitutio ad integrum gekommen ist, wo eine entsprechende Patientenverfügung jedoch ggf. zum Behandlungsabbruch und zum Tod des Patienten geführt hätte.

Sachliche Aufklärung über die Schwierigkeiten, mögliche Entscheidungsszenarien konkret zu antizipieren, ist ebenso geboten wie die ärztliche Hilfe, eine Patientenverfügung möglichst individuell und konkret zu formulieren und den Patienten seine Verfügung im Gespräch begründen zu lassen: „Warum wäre es für Sie so schlimm, an Schläuchen zu hängen?“  Dies halte ich auch für eine palliativärztliche Aufgabe.

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